Hans Wurst



Er kann von ihr nicht lassen
der bleichen D.D.R.,
muss sie auf ewig hassen
mit wohl gefeilten Phrasen
von scheinbar scharflinks her,
scheinbar von scharflinks her.

Der Bundesgeierorden,
der steht dem Barden gut,
er ist ihr Star geworden
mit linken Klampfakkorden
und seiner rechten, gut
geschäumten, kalten Wut.

Damit posthum der Ärger
mit ihm nicht aufhört, hat
man ihn wie Vaters Mörder
gekürt zum Ehrenbürger
der alten Reichshauptstadt
und neuen Reichshauptstadt.

Es fragen sich Hartz-Vierer
der neuen Reichshauptstadt,
wie dieser Bush-Verehrer
und kalten Krieges Führer
sich das verdienet hat,
sich das verdienet hat.

Wie Franz Villon, so wollt' er
ein Freund des Volkes sein,
doch nur als gut bezahlter
    Hans Wurst der Reichen sollt' er    
ihm eine Warnung sein,
ihm eine Warnung sein!



Biermann nennt Gysi einen Verbrecher

In einem Interview mit der deutschen Presse-Agentur nannte Biermann Heym einen "aufsässigen Feigling", der sich "theatralisch" weigert, im Bundestag neben einer relativ unwichtigen Stasi-Mitarbeiterin zu sitzen, dafür aber "schamlos auf dem Schoss des Spitzels Gysi, der ein Verbrecher ist in meinen Augen, hundertprozentig, und nicht mit lumpigen 99,9 Prozent."

Biermann sagte, er möchte nicht, dass ein Mann wie Gysi "Gesetze beschliesst, unter denen ich leben muss". Wenn er zynisch wäre, sagte der Liedermacher, würde er sich freuen, dass "so ein Scheissverein wie die PDS einen solchen Heuchler an der Spitze hat.". Dagegen finde er es schade, "dass so ein auf- sässiger Feigling wie Heym, der unterm Strich doch zu den besseren Leuten gehört", sich mit diesen Menschen einlasse. "Er ist gar kein grosser Held, aber er müsste ja nun nicht als Schwein enden - mit dem Gysi im Bett. Das darf man nicht machen, aber das ist der Fluch der Eitelkeit." Heym habe immer auf der richtigen Seite gestanden, "aber er war auch immer ein grosser Feigling". Die Angst vor den Herrschenden in der DDR sei begründet gewesen, "das war auch erlaubt". Schlimm sei nur die Heuchelei - "sich heute als Drachentöter darzustellen, während er sich gleichzeitig vor jedem Hund in die Hose geschissen hat".

Quelle: CL-Netz, zitiert nach FAZ, 22.11.94

OFFENER BRIEF an Wolf Biermann

von A. Hrdlicka (✗)
Dein Vokabular ist massgeschneidert, - was Dich betrifft! "Arschloch!" - "Verbrecher" - DU bist ein Arschkriecher - ein Trottel! Du tust genau das, was Du anderen andichtest, Du Dichterling! Wen immer Du auch denunzierst, der soll sich selbst zur Wehr setzen, nicht meine Sache. Deine Anbiederei an die Mächtigen, an die Herrschenden ist zum Kotzen! Das Schicksal Deiner und meiner Angeh&öuml;rigen wollen wir einmal weglassen. Wichtigtuerei mit etwas, was man nicht selbst erlitten hat, ist nicht am Platz. Du willst mit keinen Gesetzen leben, die Gysi beschliesst?! - Ich wünsche Dir die Närnberger Rassegesetze an den Hals, Du angepasster Trottel! - [Weil Gysi und Biermann jüdischer Abstammung sind. Es gehört schon etwas Intelligenz dazu, diesen Satz richtig zu verstehen! Natürlich hat Hrdlicka damit NICHT die Rassengesetze gerechtfertigt, wie Hendrikl M. Broder ihm daraufhin vorwarf! L.L.]
Ich glaube, es war 1976, da bist DU über Spanien nach Wien eingereist und hast mir anvertraut, Mitglied der spanischen KP zu sein. Die DKP war Dir nicht schick genug, meinetwegen. Meine Reaktion: Warum? Der Sozialismus ist ohnehin eine verlorene Sache, und Du warst daraufhin stocksauer. Michael Lewin hat in Wien im Konzerthaus eine Veranstaltung organisiert. Um die Stimmung in der gelichteten Linken aufzuheizen, gabst Du Dich ein wenig exotisch, melancholisch kokett hast Du in die Saiten gegriffen... - Das war in den achtziger Jahren. Devise Deiner Selbstinszenierung: Du kommst aus dem "anderen Deutschland" - sprich: aus der DDR, und so hast Du etwas Eigenwilliges zu sagen und zu singen. An Deine Imagepflege von damals will ich Dich sachte erinnern, Du Opportunist! Jeder, der sich einigermassen politisch betätigt in diesen Breiten, hat etwas mit der Staatspolizei zu tun. - Ich auch! Und man kann sich doch nicht so blöd stellen, als könnte man nicht alles daraus konstruieren, Du 100%iger Schwachkopf! Erlebtes Zusammenleben: Ich bin 66. Und vor genau 60 Jahren, im Februar 34, habe ich erfahren, was Staatspolizei heisst: Austrofaschismus, Hausdurchsuchung, Verhaftung, dann kamen die Nazis, die ich bewusster erlebt habe als Du, denn ich bin um acht Jahre älter. Was die PDS Dir antut, Du Volltrottel, möchte ich eigentlich wissen. Du bist ein derart schamloser Opportunist, dass ich mich heute schäme, als ich z.B. eine Schallplatte von Dir mit dem Song "In China hinter der Mauer" in die DDR geschmuggelt habe, zu Händen Herrn Schmidt, Generaldirektor der Dresner Museen. Eine Schallplatte überklebt mit "Ludwig van Beethoven", die Neunte oder Siebente - ich weiss es nicht mehr ... Gewiss keine Heldentat, aber immerhin eine Hommage! -
Damals warst Du ein Widerständler, heute bist Du ein Arschkriecher! Hol Dich der Teufel ... Quelle: Neues deutschland, 24.11.1994
"Anfangs glaubte ich noch, ich hätte denselben Traum wie die Bonzen der Partei, und nur die Traumdeutung unterscheide uns. Ich dachte: Darüber kann man doch reden, Genossen – wir wollen doch dasselbe. Dann aber merkte ich, dass uns nicht nur die Interpretation trennte. Der Traum, den Karl Marx hatte, war das humane Gegenstück zu diesem realen Alptraum. Wenn Marx durch eine Manipulation der Weltgeschichte das Pech gehab hätte, in der Zeit des so genannten Stalinismus zu leben, also in der DDR, dann hätten die SED-Bonzen ihn totgeschlagen, noch vor jedem anderen. Mit totalitären Menschheitsrettern, die davon leben, dass sie das Volk noch mehr ausbeuten, als die Kapitalisten es tun – mit denen gibt es keine Möglichkeit, sich über Traumdeutung zu verständigen. Als ich das begriffen hatte, wurde ich der, der ich damals noch gar nicht war: der Hans Wurst. Meine Lieder wurden radikaler, die Gedichte gingen tiefer. Das Verbot, das mich zu meinem 29. Geburtstag wie ein Geschenk der Hölle erwischte, war kein Missverständnis. Ich hatte es mir endlich verdient."


"Sein Leben lang nahm er kein Blatt vor den Mund. Nach der Ausbürgerung aus der DDR protestierte Liedermacher Wolf Biermann erst recht. An seinem 70. Geburtstag würdigt ihn Bundespräsident Köhler als "preußischen Ikarus" und verleiht ihm das Bundesverdienstkreuz." Aus: Stern vom 15.11.2006

Hindenburg von der Ehrenbürgerliste streichen
Rede von Alice Ströver im Abgeordnetenhaus am 27. März 2003

Wochen einer aufschlussreichen politischen und historischen Debatte, öffentlich und auch im Kulturausschuss, liegen hinter uns. Aufschlussreich auch, wie Abgeordnete nach ihrem Gewissen über die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde für Paul von Hindenburg entscheiden wollten, aber nunmehr auf Linie gezwungen sind, eine Position der Beibehaltung der Ehrenbürgerwürde für Hindenburg, auf die sich der Präsident des Abgeordnetenhauses, der Abgeordnete Momper, sehr früh von Anfang an festgelegt, ja verbohrt hatte. Das ist bedauerlich. Es wäre gut gewesen, wenn es wirklich eine ergebnisoffene Debatte gegeben hätte. Was hier nun heute passieren wird, hat leider nichts mit einer freien Gewissensentscheidung von Abgeordneten zu tun.

Im Zusammenhang mit der Ehrenbürgerwürde sind aus meiner Sicht drei Fragen zu diskutieren.
  • Erstens: Wer hat das Recht auf Eingriff in die Ehrenbürgerliste? - Wichtig ist, dass wir diese Frage nicht mit zweierlei Maß behandeln. Eines ist aber klar: Wer die Ehrenbürgerliste Ostberlins 1992 bereinigt hat und dieser Tage den ehemaligen sowjetischen Stadtkommandanten Bersarin - zu Recht - wieder zum Ehrenbürger ernennt, der muss auch zulassen, dass über die Ehrenbürgerwürde für Hindenburg erneut abgestimmt wird.
  • Zweitens: Die Bedingungen für den Beschluss über die Ehrenbürgerwürde für Hindenburg waren schon 1933 unrechtmäßig, und zwar deswegen, weil die Kommunisten bereits aus dem Parlament eliminiert waren. Obwohl sie gewählte Abgeordneten waren, durften sie nicht mehr abstimmen, sondern waren verfolgt und interniert. Die SPD selbst nahm an der Abstimmung nicht teil.
  • Drittens: Die Kriterien - besondere Verdienste für die Stadt Berlin - waren bei Hindenburg nicht erfüllt. Die Wahl erfolgte auf Antrag der NSDAP. Hitler und Hindenburg sollte gemeinsam in Würdigung ihrer Verdienste "um die nationale Wiedergeburt der Stadt Berlin" die Ehrenbürgerwürde verliehen werden. Das geschah zeitgleich und wortgleich in über 4000 Gemeinden des ehemaligen Deutschen Reiches. Ausgesprochen wurde die Verleihung dieser Ehrenbürgerwürde am 20. April 1933. Dieser Vorgang fehlt übrigens in der Geschichte der Berliner Ehrenbürgerwürde. Er wurde eliminiert. Man nennt das Datum nicht. "Schwamm drüber!" - Aber so geht es nicht, meine Damen und Herren!

Wolf Biermann lobt die "promovierte FDJlerin"

Angela Merkels Engagement für Israel und für das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden wurde in Berlin mit dem Leo-Baeck-Preis gewürdigt.
Die Laudation hielt Wolf Biermann:

Liebe Angela Merkel,
verehrte Bundeskanzlerin und gelernte Physikerin, soll heißen: gestandene Christin, promovierte FDJlerin und gut geratenes Kind der DDR – und unterdes machen Sie auch noch eine Karriere als Kämpferin in dem, was Heinrich Heine in seinem Gedicht „Enfant Perdu“ den ewigen Freiheitskrieg der Menschheit nannte – mich freut, dass grade Sie mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet werden. Dieser Preis schmückt Sie, denn er schmückt sich mit dem Namen des vielleicht deutschesten aller Rabbiner und gilt als die höchste Ehrung, die der Zentralrat der Juden in unserem Land zu vergeben hat. Ihnen die obligate Lobrede zu liefern, ist mir eine peinliche, soll heißen: schmerzhafte Ehre – ja, Ehre sage ich und gebrauche dieses heikle Wort ohne ironisches Augenzwinkern – etwa zur Besänftigung für mein links-alter-na-ives Klientel. Und schmerzhaft, denn ich bin ein geborener Linker, Sie sind eine geborene Rechte, Sie Christin, ich Atheist. Wir passen schön schlecht zusammen, und das macht die Konstellation interessant.

"Lassen Sie mich ungeniert Tacheles reden"

Weder Sie noch ich, kein Ei kann sich das Nest aussuchen, in dem es ausgebrütet wird. Sie sind die Tochter eines evangelischen Pfarrers, der in der DDR-Diktatur dem Kaiser gab, was des Kaisers ist. Aber wenn er Ihnen einen tiefen Glauben an den Christen-Gott eingepflanzt hat, dann ist seine Tochter Angela dem Gott der Juden noch näher als ich Sohn eines gottlosen Juden.

Hier, unter uns, in der paradoxen Intimität der Öffentlichkeit, lassen Sie mich in meiner Lobrede ungeniert Tacheles reden. Ich bin als Laudator heute eigentlich im Wortsinn gar kein Lobredner, sondern fast schon ein Bittsteller, bin für die lebenden und die toten Juden der Überbringer und Dolmetzsch einer Petition.

Als einzigen Juden unter den bisherigen Leo-Baeck-Preisträgern entdeckte ich den Schriftsteller Ralph Giordano, meinen versöhnungssüchtigen, aber dennoch streitbaren Freund, der grade in Köln gegen den Bau einer riesigen Moschee anreitet, wie einst Don Quichotte von La Mancha gegen eine Windmühle, die er für einen Riesen hielt. Wenn ich mir die lange Liste der Preisträger anschaue, dann lese ich fast ausschließlich die Namen von höchst einflussreichen Politikern in Deutschland.

"Sie müssen weder ermahnt noch genötigt werden"

Ich hoffe, Sie sehen mir das offene Wort nach: Mir kommt auch Ihre Auszeichnung heute mit dem Leo-Baeck-Preis vor wie eine Bitte um Beistand, ein Appell an Menschen in Deutschland, die Einfluss haben auf die Politik der Bundesrepublik gegenüber den Juden im eigenen Lande und gegenüber dem Staat der Juden im Nahen Osten. Der Leo-Baeck-Preis scheint also eine Auszeichnung zu sein, speziell gedacht für Deutsche, die man bei den Ostjuden „a mensch“ nennt, und „a mensch“, das heißt, wenn man es aus der jiddischen Sprache ins Deutsche übersetzt, nicht etwa „ein Mensch“, sondern bedeutet immer genau dies: „Ein guter Mensch“.
Sie jedenfalls müssen weder ermahnt noch genötigt werden. Ihre Reden zum Nahostkonflikt, verehrte Bundeskanzlerin, hören sich in meinem Ohr nicht so sophisticated an wie die Ihres Vorgängers im Amte. Sie bewegen sich in bester Luther-Tradition. „Eure Rede aber sei: 'Ja, ja; nein, nein.'“ Heilfroh war ich, als ich in diesen Tagen Ihr großes Interview in der Springer-Zeitung DIE WELT las. Ich habe mir die Stelle ausgeschnitten und in mein Arbeitsbuch geklebt wie einen babylonischen Talisman. Sie wurden da zitiert mit einem Statement zum Konflikt mit dem Iran. Nun habe ich es von der Bundeskanzlerin also schwarz auf weiß in meiner Kladde:
„Wir können die Augen vor einer Gefährdung nicht verschließen. Ich trete mit Nachdruck dafür ein, dass wir das Problem auf dem Verhandlungsweg lösen, aber dazu müssen wir auch bereit sein, weitere Sanktionen zu verhängen, wenn der Iran nicht einlenkt. Er bedroht die Sicherheit Israels, die für mich als deutsche Kanzlerin niemals verhandelbar ist. Er bedroht die Region, Europa und die Welt. Das müssen wir verhindern.“

"Der grausame Gott des Zufalls wütet im Geschichtsprozess"

Und neben diesen Zeitungsschnipsel notierte ich mir: „Im Grunde alles Selbstverständlichkeiten, die aber leider gar nicht selbstverständlich sind.“ Die deutschen Exportinteressen auf dem arabischen Weltmarkt stehen auf dem Spiel! Die Abhängigkeit vom islamischen Öl lehrt uns das Fürchten! Und gleichzeitig fliegt der kleine Zar Wladimir Putin vom „date“ mit der deutschen Bundeskanzlerin direkt von Berlin nach Teheran zu seinem Freund, dem kleinen Hitler A. (Ahmadinedschad), und verbündet sich demonstrativ mit diesem fanatischen Todfeind der Juden.
Unter uns: Ich halte Russlands Stabilisator Putin aus deutscher Sicht für höchst instabil, denn Gasmann Schröders lupenreiner Demokrat kopiert mit solch einer Liaison dangereuse seinen blutigen Vorgänger Stalin, als der sich mit Adolf Hitler 1939 ins Bett legte. Putin vereinbarte grade jetzt ungeniert weitere technische Hilfe und Lieferungen fürs iranische Atomprogramm und verspricht den Mullahs obendrein modernere Raketen, mit denen die Atomsprengköpfe, die der Iran bald haben wird, auch weit genug nach Israel und noch weiter nach Europa transportiert werden können. Und in der Uno sichert der gelernte Geheimdienstler das Milliardengeschäft ab durch sein Veto im Sicherheitsrat: eine perverse Form der Globalisierung. So absurd passieren die Tragödien der Weltgeschichte: Die blinden Helden führen ihr Schicksal herbei, indem sie es abzuwenden trachten.
Aber der grausame Gott des Zufalls wütet im Geschichtsprozess auch manchmal so verrückt, dass manches sich zum Guten wendet.

"Warum hassen so viele Europäer dermaßen maßlos die Juden?"

Sie, Angela Merkel, kommen mir vor wie solch ein gelungenes Zufallsprodukt der Weltgeschichte. Was 'ne wunderbar verdrehte Welt: Ausgerechnet das Menschenkind Angela aus dem Pfarrhaus, das prima Russisch gelernt hat in der DDR, wo kein normaler Schüler Russisch lernen wollte, redet nun Tacheles mit den Russen. Eine Frau, die die Gesetze der Physik studierte in einem Land, wo zwei mal zwei nicht vier sein durfte – ausgerechnet sie bringt den Großkopfeten der Europäischen Union lebensklug wie eine erfahrene Grundschullehrerin das kleine Einmaleins der politischen Moral bei und dazu das große Einmaleins einer moralischen Politik. Ausgerechnet eine Frau aus der größten DDR der Welt zeigt den Machtmännern, dass unsere Erde tatsächlich immer kleiner wird, dass unser Planet in Bälde eine globale Dorfregierung braucht und dass also die verteufelte Globalisierung die einzige Chance für uns ist, als Menschheit womöglich noch ein paar Jahrtausende auf diesem Erdball durchs Universum zu rollen.

Warum hassen so viele Europäer dermaßen maßlos die Juden? Warum halten sie das bedrohte Israel, die einzige Demokratie in der arabischen Region, für den gefährlichsten Kriegstreiber in der Welt? Und woher kommt dieser hysterische Hass gegen die USA? Ich wüsste gern, verehrte Angela Merkel, Ihre Meinung.

Eine mögliche Antwort: Die Deutschen haben zwei verbrecherische Kriege vom Zaun gerissen und verloren, also ziehen sie daraus die dummschlaue Lehre: Pfoten weg! Ich kriegsgebranntes Kommunisten- und Judenkind war immer für den Frieden, konnte aber niemals ein Pazifist sein. Also hat es mein Herz gefreut, als ich las, was Sie zu diesem heiklen Thema öffentlich äußern: „Ein Blick zurück in unsere eigene Geschichte mahnt dazu, den Frieden als wertvolles Gut zu erhalten und alles zu tun, um kriegerische Auseinandersetzungen zu vermeiden. (...) Ein Blick in die gleiche Geschichte mahnt aber auch, dass ein falsch verstandener, radikaler Pazifismus ins Verhängnis führen kann und der Einsatz von Gewalt – trotz des damit einhergehenden Leides – in letzter Konsequenz unausweichlich sein kann, um noch größeres Übel zu verhindern.

"Opfer können wohl verzeihen"

Auch die jüngere europäische Geschichte zeigt, dass Krieg im Umgang mit Diktatoren zur ‚Ultima Ratio' werden kann. (...) Beim Kosovo-Krieg hat eine 'coalition of the willing' durch den Einsatz von Gewalt noch größeres Leid (...) verhindert.“
Ich vermute, dass alle Europäer, die Russen eingeschlossen, den USA einfach viel zu viel verdanken. Manchmal kommt es mir so vor, als ob der Mensch Untaten besser aushält als Wohltaten. Es klingt paradox – aber wir alle wollen doch uns dankbar erweisen für unsere Retter. Der Mensch schämt sich aber und wird aggressiv vor allem dann, wenn er keine Chance sieht, sich jemals zu revanchieren. Ohne die heldenhafte Hilfe der USA hätte Hitler in Westeuropa und gegen Stalins Sowjetunion den Weltkrieg wahrscheinlich gewonnen.
Übermächtige Gründe zur Dankbarkeit machen womöglich auch die Völker seelenkrank. Und der Judenhass? Er ist so alt, so gediegen. Denken Sie an den genialen Luther als Todfeind der Juden. Ja, Opfer können wohl verzeihen. Aber die Juden werden vor allem gehasst wegen der Shoa, weil die Täter den Opfern niemals verzeihen können, was sie ihnen antaten. Sie, Frau Merkel, sind in diesem fatalen Zusammenhang etwas günstiger dran, weil Sie – „in echt“ – die Gnade der späteren Geburt genießen und sich auch nicht etwa damit berühmen, dass Sie sich beknirschen.

"Ja, Sie sind ein Ostmensch"

Ihr verblüffender Aufstieg vom belächelten Ostmädchen des Kanzlers Kohl zu Schröders Fiasko und nun zu einer weltweit respektierten Frau hat, vermute ich, seinen Grund auch in Ihrer lehrreichen Erfahrung als Untertan in einem totalitären Regime, wie es die DDR war.
Wer von klein auf in einer totalitären Diktatur lebte, hasst die Freiheit, weil er sie fürchtet, oder er liebt sie mit umso größerer Inbrunst.
Ja, Sie sind ein Ostmensch, aber kamen mir nie wie ein „Ossi“ vor. Sie sind eine Deutsche, die in keine West- oder Ost-Schublade reinpasst. Mit Verlaub, ich komme mir so ähnlich vor. Unsereins quält die Frage noch tiefer als einen geborenen Demokraten: Wo sind die Grenzen der Freiheit? Darf unsere Toleranz immer wieder so weit gehen, dass die Intoleranz triumphiert? Gelten Freiheitsrechte auch für Freiheitsfeinde?
Gut, das wäre die Freiheitsfrage – wie aber steht es mit der Judenfrage. Auch diese Erfahrung haben Sie und ich gemein: Wir lebten in einem Staat, dessen Politik nach innen wie nach außen ein praktizierter Antisemitismus war, der allerdings so cool funktionierte wie bei Orwell im Roman „1984“ die Neusprech-Sprache: Offiziell wurde den Bürgern jeglicher Antisemitismus verboten, aber als Antizionismus umgetauft war der Judenhass Staatsdoktrin nach innen und außen. Das Ministerium für Staatssicherheit unter Mielke und Markus Wolf baute dem fanatischen Todfeind Israels, einem der eifrigsten Endlöser der Judenfrage, Jassir Arafat, seine diversen untereinander abgeschottet verschachtelten Geheimdienste auf.

"Leo Baeck liebte Deutschland"

Wer den Nahen Osten kennt, der weiß: Wenn die Araber endlich ihre Waffen niederlegen, wird es dort keinen Krieg mehr geben. Wenn aber Israel die Waffen niederlegt, wird es kein Israel mehr geben.
Viele Europäer neigen dazu, Juden und Araber als Streithähne zu sehen, als Raufbolde, die man mit der Rute der Vernunft zur Räson bringen muss. Den Israelis wird raffinierte Hinterlist unterstellt, und den Arabern eine aufbrausende Unmündigkeit.
Sie, Frau Bundeskanzlerin, brechen mit dieser infamen und infantilen Äquidistanz. Als ich mir Ihre Statements zu Israel anschaute, fand ich ein Wort, das mich berührte:
„Wir haben erst spät gelernt – und ich sage das für mich auch persönlich – wie unermesslich viel Deutschland durch die Shoa verloren hat und wie viel Liebe deutscher Juden zu diesem Land unerwidert geblieben ist.“
Einer von den Juden, die zu Deutschland eine dermaßen tragisch unerwiderte Liebe hatten, war der Rabbiner Leo Baeck. Ja, er war das Musterexemplar eines extrem deutschen Juden. Er liebte Deutschland „über alles“. Und er verkörperte alle deutschen Tugenden, für die die Juden aus Deutschland in Israel bis heute von den lebensklügeren Ostjuden und von den lebenslustigen sephardischen Juden bewundert werden und belächelt und verspottet. So preußisch korrekt, so pflichtbewusst, so pünktlich, so penibel, dermaßen gutbürgerlich und ordnungsliebend bis über den Rand der Lebensdummheit waren nur diese Juden aus Deutschland.

"Er war der Typ eines national gesinnten Patrioten"

Wäre Leo Baeck bei seinem Besuch noch im Jahre 1936 in Palästina geblieben, dann hätte man ihn dort in Erez Israel als einen dieser typischen „Jekke“-Juden angesehen. Er kehrte von der kurzen Reise aber zurück ins faschistische Deutschland, weil er zweitens so extrem deutsch war, und erstens, weil er sich als Seelsorger und als väterlicher Helfer in größter Not den Juden im deutschen Vaterland verpflichtet fühlte.
Auch als er 1939 die Gelegenheit hatte, zu Verhandlungen nach London zu reisen, brachte er sich dort nicht in Sicherheit, sondern kehrte zu seinen Leidensgenossen in die Mördergrube Deutschland zurück. Er organisierte die Rettung von jüdischen Kindern ins Ausland, verhandelte mit der Gestapo, besorgte Pässe, Genehmigungen, soziale Hilfe und Geld.
So kam es, dass Leo Baeck 1943 als Nummer 187894 deportiert wurde ins KZ Theresienstadt, ein sogenanntes Sonder- oder auch Vorzugs-KZ in der Nähe von Prag, wo die Juden massenhaft starben an Hunger und Krankheiten und von wo die Menschen zur Vergasung nach Auschwitz in Güterzüge gepfercht wurden. Ein Wunder: Im KZ Theresienstadt gehörte der Greis Leo Baeck am Tag der Befreiung zu den Überlebenden. Und ich glaube, er überlebte nur, weil er den Todgeweihten dort mit stoischer Disziplin und treudeutscher Innigkeit die Werke von Goethe und Immanuel Kant und Gottes Thora predigte.

Ja, dieser Leo Baeck war der Typ eines national gesinnten Patrioten. Von meinem Freund, dem Historiker des jüdischen Widerstandes in der Nazizeit, von Professor Arno Lustiger in Frankfurt am Main, weiß ich, dass Leo Baeck freiwillig in den Ersten Weltkrieg zog. Als Frontrabbiner ritt er furchtlos bis zu den vordersten Schützengräben und betreute seelsorgerisch das jüdische Kanonenfutter: deutsche Soldaten, die dort für Kaiser und Vaterland in den sinnlosen Tod gingen. Es wird vom Namenspatron des Preises, der Ihnen heute übergeben wird, berichtet, dass er in letzter Minute vor seinem Abtransport ins KZ, als auch er 1943 die Schlüssel seiner Wohnung und eine vollständige Liste mit dem Inventar an Büchern, Möbeln, Geschirr, Wertsachen und Sparbücher und Bargeld hatte abgeben müssen, noch schnell vorher seine letzte Gasrechnung bezahlt hat.

"Verehrte Angela Merkel, ich kann Sie ohne Falsch so nennen"

Es gab vor einiger Zeit Streit um eine Studie, an der Leo Baeck gearbeitet hat, eine Auftragsarbeit der Gestapo des Reichssicherheitshauptamtes. Er arbeitete von 1938 bis 1941 an dieser Schrift: „Die Entwicklung der Rechtsstellung der deutschen Juden in Europa, vornehmlich Deutschland.“ Nach dem Ende des Krieges hatte Leo Baeck gelogen, dies sei eine wissenschaftliche Arbeit gewesen, die er im Auftrage rechtskonservativer Nazigegner (also im Auftrage des in Plötzensee hingerichteten deutschnationalen Widerständlers Friedrich Goerdeler) verfasst habe.
Hannah Arendt schimpfte ihn „the Führer of the german jews“. Dass Hannah Arendt den Rabbiner Beck im englischen Text als „Führer“ schmähte, zeigt den Grad der Erbitterung in dem Streit um die herzzerreißende Frage: Waren solche Leute wie etwa auch der Vorsitzende des Judenrates im Warschauer Getto, der Ingenieur Adam Tschernjakow, Kollaborateure der Nazis oder nicht?
Soweit die Forschung inzwischen weiß – und soweit ich es beurteilen kann –, war der Rabbiner Leo Baeck ganz und gar kein jüdischer Hund Hitlers. Im Gegenteil, er war ein Deutscher, der sein Land und seine Kultur liebte und der also doppelt, nämlich als verfolgter Jude und als deutscher Patriot, die Nazis hasste und verachtete und der jede Form des Widerstandes wagte, die ihm möglich war.
Verehrte Angela Merkel, ich kann Sie ohne Falsch so nennen, denn es ehrt Sie, dass Sie sich so behutsam und beharrlich einmischen in dem Konflikt der beiden Söhne des Stammvaters Abraham: Ismael und Isaak. Diese Halbbrüder gelten als die Urväter der arabischen Völker und des Volkes der Juden. Seit Jahrtausenden liegen sie im Familienstreit. Und dieser Bruderkrieg wird länger dauern, als wir dauern.

"Ich will Ihnen ein neues Lied vorsingen"

Es ist unsere mühselige und notwendige und zuverlässig undankbare Aufgabe, den Juden und den Arabern zu helfen. Wir können mildern, wir sollen vermitteln, aber nicht als Quacksalber der Weltgeschichte Wunderkuren verordnen. Bei Gelegenheit will ich Ihnen ein neues Lied vorsingen über genau diesen heillosen Familienkrieg im Nahen Osten, da heißt es am Schluss:
Roter Mond über Banyuls sur Mer...
– wir alle sind ja reingezogen
in den Krieg der beiden Söhne
aus dem Samen Abrahams, Couplet:
Das sind Tragödien der andern Art
Da hilft kein gut gemeinter Rat
Da hilft kein Treueschwur, Kein frommer Fluch
Kein kluggeschissnes Friedens-Buch
Da hilft kein Aufschrei in der Welt
Kein feige abgedrücktes Geld
(Schon gaanich Biermann seine Gedichte)
Konflikte dieser Kategorie
Für die gibt's keine Lösung. Nie!
Die haben nur eine Geschichte



Das ganze "Lied" (ohne nähere Copyright-Angaben von Henryk M. Broder in dem Blog "Die Achse des Guten" veröffentlicht):
ROTER MOND ÜBER BANYULS SUR MER

Das ging so schnell:
Vom Dämmerlicht in schwarze Nacht
Da schwebten wir auf der Terrasse überm Dach
Tief unter uns die Bucht.

Wir sahn das Lampenlicht
Im Wasser zittern, hörten paar Sardanafetzen 
Genossen den Ein-Euro-Wein,
Den würzig Weißen Aus Peralada.

Hoch im Himmel mußte wohl ´ne 
Herde Wolken wandern, 
weil ja zwei Sterne nur 
Auf uns herunterblinkten.

Plötzlich stieg der Mond 
Doch noch am Horizont
Im Osten aus den Fluten
Den roten Mond als Riesenfratze
Sahn wir bluten
Wie´n Menetekel drohender Gefahr.

Er kam Sein´ Weg von Gaza hoch, über das Mittelmeer
Wir sahn das Blut von Isaak und Ismael 
Blutrot verschmiert stieg auf das nackte Mondgesicht 
Nun wuchs ihm grau ´ne Wolkensträhne in die Stirn 
Und schon verschwand er, tauchte hoch ins tiefe Schwarz - 
wir alle sind ja reingezogen in den Krieg 
Der beiden Söhne aus dem Samen Abrahams

COUPLET Das sind Tragödien der andern Art 
Da hilft kein gutgemeinter Rat 
Da hilft kein Treueschwur 
Kein frommer Fluch 
Kein kluggeschissnes Friedens-Buch 
Da hilft kein Aufschrei in der Welt 
Kein feige abgedrücktes Geld 
Schon gaanich Biermann seine Gedichte 
Konflikte dieser Kategorie 
Für die gibts keine Lösung.

Nie! Die haben nur eine Geschichte


Siehe auch: www.welt.de/politik/article1337090/Wolf_Biermann_lobt_die_promovierte_FDJlerin.html, "5. Du sollst nicht mörkeln!", "Die Brücke von Varvarin" und "Ein hübsches Merkel"

Laut Spiegel-Online wies der evangelische Theologe und SPD-Mitglied Richard Schröder den Einwand der Linkspartei zurück, Biermann habe den Irakkrieg befürwortet. "Wer seinen Vater in Auschwitz verloren hat, weil er jüdischer Herkunft war, denkt verständlicherweise anders über die Bedrohung des Staates Israel durch irakische Raketen, wie sie schon einmal auf Israel abgefeuert worden sind, als die Linkspartei", sagte Schröder. Eine bewusst irreführende Verkürzung: Erstens ging es im Irak-Krieg nicht um Raketen gegen Israel und zweitens war Biermanns Vater vor allem Kommunist und Widerstandskämpfer und kein gläubiger Jude und als Mitglied des Widerstands ist er auch umgebracht worden. Für mich ist der "Fall Biermann" auch ein Fall des fortgesetzten Missbrauchs des Namens seines Vaters durch seinen Sohn und andere reaktionäre Geschichtsfälscher, die ihren Antikommunismus als Antifaschismus ausgeben.
Vom Liedermacher Wolf

Mißverstanden von der Welt,
abgeschlagen und allein,
reduziert auf Ruhm und Geld,
wollt' er doch nur artig sein.

Und das war er eigentlich,
denn der Anstand ist geblieben,
auch, wenn er den Ruf erschlich,
linke Lust hätt' ihn getrieben.

Alles war doch Poesie,
Kunst und Lyrik für den Geist,
für das echte Leben nie,
wie die Bühnenshow beweist.

Wenn ihr mich zerstören wollt,
schickt mich in den Westen,
dann hat er Tribut gezollt
mit den Liederresten.

Sicher war's kein hoher Preis,
seine Texte sind schon immer
voll von dem, was jeder weiß,
Nörgelspott und Zankgewimmer.

Nichts, was Wirklichkeit bewegt,
fand in den Konzerten Platz,
doch als Buch und Lied verlegt
häuft es seinen Börsenschatz.

Wer sich ändert, bleibt sich treu,
seine erste Westdevise,
hierzulande auch nicht neu,
tiefster Sinn der Wirtschaftskrise.

Ist der Ex-Genosse nun
in der Heimat angelangt,
hat er viel damit zu tun,
daß er seines Weges wankt.

Fragt er sich auch manches Mal,
was woll'n meine Widersacher,
kennen sie nicht meine Qual,
den Beruf als Liedermacher?

Treu kann ein Mensch nur ander'n sein,
und ein Genosse muß das wissen,
wer sich behauptet, ganz allein,
den wird kein Mensch am End' vermissen.

von Helmut Barthel